Gedanken zum Ende des Landesprogramms Start Bildung
Warum das Ende von Start Bildung ein Auftrag für die Zukunft ist
fw. Das Landesprogramm Start Bildung (2018–2025) endet. Zurück bleiben Erfolge, Erfahrungen – und die dringende Aufgabe, Menschen mit Migrationsgeschichte ohne lineare Bildungsbiografie künftig verlässlich zu begleiten.
Es sind oft die leisen Momente, in denen man spürt, was Start Bildung geleistet hat. Wenn jemand sagt: „Ich hätte nie gedacht, dass ich das kann.“ Wenn eine Familie zum ersten Mal durch ein komplexes Bildungssystem findet. Wenn der Blick nach vorn weniger von Unsicherheit, dafür mehr von Möglichkeiten geprägt ist. Ende 2025 verstummen diese Momente nicht – aber sie verlieren einen Ort, an dem sie verlässlich gehört, gestärkt und begleitet wurden. Start Bildung geht zu Ende. Was bleibt, ist ein Dank und eine Aufgabe.
Ein Nachruf beginnt mit Anerkennung. Von 2018 bis 2025 war Start Bildung mehr als eine Förderrichtlinie oder ein Projektkürzel. Es war ein Versprechen: dass Talent nicht an Papiergrenzen haltmacht, dass Potenziale sichtbar werden, wenn man Wege öffnet, Übergänge begleitet und Hürden benennt. Ausgerichtet auf junge Erwachsene mit Migrationsgeschichte, die keine oder nur eine geringe Schulbildung mitbringen, hat das Programm Brücken gebaut – zwischen Lebensrealität und Systemlogik, zwischen Ankommen und Aufbrechen.
Wenn ein Programm endet, reißt damit auch der Faden eines kollektiv gelebten Praxiswissens ab. In Beratungsgesprächen, Kursen, Werkstätten, Mentoringbeziehungen und Kooperationen ist Wissen entstanden, das nicht einfach mit der letzten Förderperiode verschwindet. Die Erfahrungen von Start Bildung – welche Ansprache funktioniert, welche Zugänge Barrieren senken, welche Partnerschaften tragen – sind ein Schatz. Ihn zu sichern, zu dokumentieren und weiterzugeben, ist Teil des würdigen Abschieds.
Und doch gehört zur Ehrlichkeit auch dies: Die Entscheidung, Start Bildung nicht weiter zu finanzieren, ist eine politische Entscheidung – getroffen in Thüringen, mit Konsequenzen für Menschen, deren Bildungswege ohnehin unter erhöhtem Druck stehen. Haushaltsdebatten sind real, Prioritäten sind wählbar. Wer in dieser Lage ein wirksames Programm auslaufen lässt, spart nicht an Kosten, sondern an Chancen. Das ist kurzsichtig. Es kostet später doppelt: an Integrationsaufwand, an Fachkräftegewinnung, an sozialem Zusammenhalt. Nach allem, was aus der Praxis bekannt ist, hat Start Bildung Türen geöffnet, Verfahren verständlich gemacht und Bildungsbiografien stabilisiert. Dass dieser konkrete, alltagstaugliche Nutzen in der Landespolitik nicht stärker gewichtet wird, sendet ein falsches Signal – an Träger, an Kommunen und vor allem an die jungen Erwachsenen, um die es geht.
Landespolitik trägt Verantwortung für Planungssicherheit. Projekte dieser Art brauchen keine Abschiedsreden, sie brauchen Anschlussfinanzierung, transparente Evaluationskommunikation und das Bekenntnis, evidenzbasierte Entscheidungen über kurzfristige Sparreflexe zu stellen. Wer von Integration, Fachkräftesicherung und Bildungsgerechtigkeit spricht, muss Programme wie Start Bildung nicht nur loben, solange sie laufen, sondern sie dann stärken, wenn es darauf ankommt. Sparen an Bildung ist immer lautlos – bis die Folgen hörbar werden.
Gleichzeitig ist dieser Abschied ein Weckruf. Die Welt nach 2025 wird nicht einfacher. Für viele Menschen mit Flucht- oder Migrationserfahrung bleibt der Weg durch das Bildungssystem eine Herausforderung: Anerkennung von Abschlüssen, Übergänge zwischen Sprachkursen, Schule, Ausbildung, Studium oder Weiterbildung; finanzielle Unsicherheiten; familiäre Verantwortung; die Suche nach Zugehörigkeit. Gerade hier braucht es Räume, die nicht nur fördern, sondern begleiten. Die nicht nur beraten, sondern befähigen. Die nicht nur verweisen, sondern verbinden.
Was bedeutet das konkret? Es bedeutet, die Leitideen von Start Bildung in die Breite zu tragen und dort zu verankern, wo sie wirken können: in kommunalen Anlaufstellen, in Volkshochschulen, in Schulen und Betrieben, in Hochschulen und Beratungsnetzwerken. Es bedeutet, Beratung als Beziehungsarbeit zu verstehen, Zeit als Ressource ernst zu nehmen und Mehrsprachigkeit als Kompetenz anzuerkennen. Es bedeutet, die Perspektive umzudrehen: Nicht Menschen müssen sich dem System anpassen, sondern Systeme müssen lernen, Menschen mit pluralen Bildungswegen gerecht zu werden.
Wichtig ist auch, was nicht verloren gehen darf: die Haltung. Start Bildung hat gezeigt, dass Vertrauen wirkt. Dass Anerkennung von Lebensleistung motiviert. Dass Erfolg nicht erst am Zeugnis sichtbar wird, sondern oft im mutigen ersten Schritt. Diese Haltung kann jede Einrichtung kultivieren, die mit Menschen arbeitet, die ihre Bildungsgeschichte erst noch schreiben oder neu ordnen. Es ist eine Haltung, die fragt: Was bringst du mit? Was brauchst du? Und wie können wir das gemeinsam organisieren?
Und so bleibt am Ende weniger ein Schlussstrich als ein Doppelpunkt. Das Ende von Start Bildung markiert nicht den Endpunkt einer Idee, sondern die Übertragung ihrer Verantwortung auf viele Schultern. Politik kann Rahmen setzen und verlässlich finanzieren – in Thüringen wie anderswo. Träger können Expertise bündeln, Allianzen knüpfen und Lücken mutig adressieren. Zivilgesellschaft und Wirtschaft können Talente entdecken, Praktika anbieten, Patenschaften übernehmen. Bildungseinrichtungen können Aufnahmewege flexibilisieren und Beratung entbürokratisieren. Und wir alle können die Erzählung von „bruchhaften“ Bildungsbiografien neu schreiben: als Erzählung von Vielfalt, Erfahrung und Zukunftskraft.
Abschied und Hoffnung widersprechen sich nicht. Wer würdig verabschiedet, macht Raum für Neues. Wer anerkennt, was war, stärkt, was werden kann. Start Bildung hat von 2018 bis 2025 Spuren gelegt – in Lebensläufen, in Institutionen, in einer Kultur des Miteinanders. Diese Spuren führen nicht zurück, sie weisen nach vorn. Folgen wir ihnen. Und fordern wir die Politik auf, ihnen die Wege zu ebnen.


